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Brainforming - Wie trainiere ich ein Pferdegehirn?

  • 14. Juni 2024
  • 16 Min. Lesezeit

Bei der Ausbildung unseres Pferdes denken wir in erster Linie an den Aufbau der Muskulatur und die Kräftigung der Sehnen und Bänder. Aber nicht nur der Pferdekörper, sondern auch das Gehirn und seine kognitiven Fähigkeiten lassen sich durch gezieltes Training formen und verändern. Was dabei im Pferdegehirn passiert und wie Sie Motivation, Gelassenheit und Selbstvertrauen trainieren können, erfahren Sie in diesem Artikel.

„Mein Pferd spinnt – da ist doch gar nichts!“ Das denken sich viele Pferdebesitzer, wenn das Pferd mal wieder scheut oder sich verspannt. In der Regel ist da jedoch etwas - nur haben wir es mit den menschlichen Sinnen noch nicht bemerkt. Unser Pferd hat es aber wahrgenommen. Vor allem hat es das Geräusch oder die Bewegung anders bewertet. Und das macht den entscheidenden Unterschied aus.

 

Warum bewerten Pferde unsere Umgebung und deren Reize so anders als wir? Warum reagieren sie für uns oft unberechenbar und anscheinend völlig „überempfindlich“? Vielen von uns machen die unmittelbaren Reaktionen unserer Partner Angst und wir können sie in unserer Gedankenwelt nicht zuordnen.

 

Um unsere Pferde zu verstehen, müssen wir ihre andere Denkweise und die Unterschiede in der Funktionsweise ihres Gehirns untersuchen. Im Laufe der Evolution haben sich die Gehirne des Fluchttieres Pferd und des strategischen Räubers Mensch in vielen Bereichen anders entwickelt. Gleichzeitig gibt es aber auch viele Parallelen, die uns helfen können, mehr Verständnis und Mitgefühl für unseren Partner Pferd zu entwickeln.

 

Vielleicht können wir sogar noch einen Schritt weiter gehen und das Gehirn des Pferdes dahingehend trainieren, ein bisschen zu „denken“ wie wir? Dass Muskeln, Sehnen und Gelenke über Training geformt werden können, ist für uns selbstverständlich. Aber können wir auch das Gehirn und Nervensystems des Pferdes so trainieren, dass wir seinen mentalen Zustand verändern?


Wie funktioniert ein Gehirn?

 

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir uns mit der Anatomie des Gehirns befassen. Wie beim Menschen ist auch beim Pferd das Gehirn die sogenannte „Kommandozentrale“ des Nervensystems. Es übt die vollständige Kontrolle über alle willkürlichen und unwillkürlichen Funktionen des gesamten Körpers aus. Die einzelnen Nervenzellen des Nervensystems, die Neuronen, sind über Synapsen miteinander verbunden. Der Nachrichtentransport in so einer Synapse funktioniert über elektrische Impulse und chemische Botenstoffe, die sogenannten Neurotransmitter, wie z.B. Serotonin und Dopamin, Glutamat und Noradrenalin.

 

Wir können uns das ganze System wie ein komplexes Kommunikations-Netzwerk vorstellen. Das Gehirn funktioniert dabei wie ein Rechenzentrum. Genauso schnell wie eine Rechenleistung im Computer läuft auch die Nachrichtenübertragung innerhalb des Nervensystems in Sekundenbruchteilen ab. Und das ist der entscheidende Unterschied zu den Informationswegen der chemischen Botenstoffe im Blutkreislauf: Der elektrische Impuls und die Ausschüttung der Neurotransmitter im Nervensystem funktionieren unmittelbar - wie ein Stromschlag. Die Verteilung der Hormone über das Blut dauert länger und bewirkt damit eine deutlich längere Reaktionszeit.

 

Gehirn und Rückenmark in der Wirbelsäule bilden das zentrale Nervensystem (ZNS). Von dort gehen Nervenbahnen durch den gesamten Körper in das periphere Nervensystem (PNS). Rezeptoren, z.B. in den Sinnesorganen, der Haut oder dem Fasziennetz, geben Reize über die neuronalen Verbindungen an das zentrale Nervensystem weiter. Im Gehirn werden die eingehenden Reize bewertet, verarbeitet und die Reaktionen in Form von Bewegungen, Organfunktionen und Emotionen gesteuert.


Das vegetative Nervensystem (VGS)

Um unsere Pferde trainieren zu können, müssen wir noch ein weiteres System in diesem fantastischen Netzwerk begreifen: das vegetative Nervensystem (VGS). Dieses umfasst das sympathische und das parasympathische Nervengeflecht. Diese Nervenleitbahnen können nicht willentlich beeinflusst werden. Werden sie vom Gehirn angesprochen, veranlassen sie eine automatische und nicht kontrollierbare Reaktion im Pferdekörper.

Der Sympathikus bereitet den Organismus auf körperliche Leistung vor und versetzt ihn in Flucht- oder Kampfbereitschaft. Der Parasympathikus ist zuständig für Ruhe und Regeneration und aktiviert die Verdauung und verschiedene Stoffwechselvorgänge. Welches System von den beiden angesprochen wird, entscheidet das Gehirn.

Ein entspanntes Pferd, das sich im Parasympathikus befindet, sollte Ausgangslage jeder Trainingseinheit sein. Aber auch den Sympathikus brauchen wir im Training. Er ist nicht nur für die Flucht, sondern auch für jede Form körperlicher Leistung notwendig. Der Sympathikus sorgt zum Beispiel für die nötige Grundspannung bei den schwungvollen Gangarten Trab und Galopp.


Ein Gehirn ist ein sehr komplexes System aus Gruppen von Neuronen, die verschiedene Hirnregionen mit Spezialaufgaben bilden. Jedes einzelne Neuron kann dabei teilweise mit über 100.000 anderen Nervenzellen verbunden sein. Deshalb verbraucht es im Verhältnis zu seinem Volumen sehr viel Energie. Beim Pferd sind es 20-30 % der im Körper verfügbaren Energie, beim Menschen sogar 60 %. Bei einem Übermaß an Reizen und energetischen Informationen kann es daher auch schnell zu einer Überlastung des Systems kommen - wie eine Art Kurzschluss. Genau wie alle anderen Körperzellen brauchen ermüdete Nervenzellen nach einer Belastung Zeit für Erholung und Regeneration bzw. für eine Anpassung an Trainingsreize. Wenn der Schädel brennt und wir das Gefühl haben, dass nichts mehr reingeht, bleibt uns nichts anderes übrig, als eine Auszeit zu nehmen. Sollten wir diese Auszeit nicht auch unseren Pferden zugestehen?

 

Leider gibt es immer noch sehr wenig wissenschaftliche Erkenntnisse zu der speziellen Anatomie des Pferdegehirns und zum Teil sogar widersprüchliche Angaben. Untersuchungen zu den Gefühlen von Tieren haben jedoch ergeben, dass der Aufbau und die Struktur der Gehirne aller Säugetiere im Wesentlichen gleich sind. Es werden nachweislich auch dieselben Hormone und Neurotransmitter ausgesendet:

 

Ein Beispiel ist Dopamin, das „Glückshormon“, das beim Menschen an der Entwicklung von Suchtverhalten beteiligt ist. Es aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn und ist als innerer Antreiber oder Motivator bekannt. Das freudige Brummeln Ihres Pferdes in Erwartung einer Belohnung ist ein Beispiel für die Dopaminausschüttung. Meiner Mérensstute Vida kann man ein Grinsen im Gesicht förmlich ansehen, wenn sie eine komplexe Übung endlich verstanden hat. Anschließend möchte sie diese Übung mit Leidenschaft immer wiederholen. Belohnung und Erfolg machen süchtig!

Serotonin, das „Wohlfühlhormon“, sorgt für Gelassenheit, Ruhe und Zufriedenheit, gleicht die Stimmung aus und sorgt für Entspannung. Ein ruhiger Wohlfühlmoment mit unserem Pferd, ein gemeinsames „Raumteilen“, gegenseitige Fellpflege in Form von Putzen oder Massage, aber auch eine gezielt gesetzte Pause im Training sorgen für eine zuverlässige Ausschüttung von Serotonin.

 

Wie wissenschaftliche Experimente zeigen, streben Pferde immer nach einer Verbesserung ihres Zustandes in Form von Wohlfühlmomenten, Glückshormonen und Pausen - wenn sie eine Wahl haben! Lassen wir ihnen keine Wahl, schaffen Pferde sich ihre Wohlfühlmomente zur Not auch selbst - zum Beispiel, indem sie sich losreißen oder den Reiter einfach abbuckeln.


So komplex das System Gehirn auch ist, so ist es doch sehr gut organisiert.

Das Großhirn (Cerebrum) ist beim Menschen und beim Pferd das Zentrum für Lernen, Temperament, Emotionen und Intelligenz. Mit der blumenkohlartig gewundenen Struktur der Großhirnrinde (Cortex) ist diese größte Hirnregion aufgeteilt in zwei Gehirnhälften, die beiden Hemisphären. Die Verbindung der beiden Gehirnhälften nennt man Balken (Corpus callosum). Im Großhirn finden der Empfang und die Verarbeitung der Informationen aus den Sinnesorganen, aber auch das Bewusstsein, das Denken und Lernen sowie die Steuerung der sozialen Interaktionen statt.

 

Das Kleinhirn (Cerebellum), das wie ein kleinerer Blumenkohl oder wie eine Koralle aussieht, ist als Rechenzentrum für die Motorik zuständig für die Koordination von Bewegungen und Muskelaufbau sowie für die Steuerung der Körperhaltung und des Gleichgewichts. Das Kleinhirn ist beim Pferd im Gegensatz zum Menschen bereits bei der Geburt voll entwickelt, weil ein Fohlen als Fluchttier bereits vom ersten Tag an vollständige motorische Fähigkeiten haben muss.

 

Das Stammhirn oder der Hirnstamm (Truncus encephali) ist die Schnittstelle vom Gehirn zum Rückenmark und damit zum restlichen Nervensystem. Hier werden ankommende Sinneseindrücke und ausgehende motorische Informationen verarbeitet. Es ist die Schaltstelle der Steuerung der lebenswichtigen Vitalfunktionen wie Herzfrequenz, Atmung, Schlucken und Verdauung und somit zuständig für das „Überleben“. Wenn ein Mensch in ein Koma versetzt wird, bleibt das Stammhirn als einzige Region im Gehirn aktiv.


Bei der Geburt ist die Gehirnstruktur (Hardware) bereits vollständig vorhanden. Die Programmierung und die neuronalen Verknüpfungen (Software) werden jedoch erst im Laufe des Lebens aufgebaut. Das Gehirn befindet sich somit in einem ständigen Veränderungsprozess. Man spricht auch von der sogenannten „neuronalen Plastizität“ oder Formbarkeit des Gehirns. Auch bei Pferden ist dieses Phänomen wissenschaftlich nachgewiesen. So verbessert sich bei regelmäßiger Nutzung einer neuronalen Verbindung die Effizienz der Synapsen, die Zahl der Rezeptoren und Neurotransmitter steigt und es bilden sich neue Synapsen und Verzweigungen. Bei entsprechender Anregung können sogar ganze Gehirnregionen wachsen. Werden bestimmte neuronale Bahnen häufig genutzt, werden sie immer schneller und effektiver und besser vernetzt. Ein Gehirn kann sich also immer weiter formen, es kann lernen, zu lernen. Die Gehirnstruktur ist deshalb durch gezieltes Training ein Leben lang formbar!

 

Werden Regionen im Gehirn jedoch mit wenig Eindrücken versorgt, können sie auch verkümmern. „Ganze Hirnbereiche bleiben ein Leben lang unterentwickelt, wenn sie in der Kindheit nicht stimuliert wurden oder verfallen, wenn sie nicht gebraucht werden“ schreibt Verhaltensbiologin Marlitt Wendt in ihrem Buch „Wie Pferde fühlen und denken“. Es gibt Beispiele, bei denen Fohlen, die mit einer völlig intakten Gehirnregion für die Verarbeitung des Hörens geboren wurden, dann aber in totaler Stille aufgewachsen sind, ein Leben lang taub waren, weil das Gehirn keine Geräusche mehr verarbeiten konnte. Oder Fohlen, die ohne soziale Kontakte aufgewachsen sind: Bei ihnen verkümmerte die Hirnregion der „Beziehungsfähigkeit“, wodurch sie für den Rest ihres Lebens nicht mehr zu sozialen Kontakten fähig waren. Marlitt Wendt vergleicht solche Pferde mit einem „zu kleinen Arbeitsspeicher mit zu wenig aktiven Verknüpfungen“. Die Eindrücke können im Gehirn einfach nicht mehr verarbeitet werden.

 

 

Wo finden Emotionen statt?

 

Unter dem Aspekt der Formbarkeit des Gehirns sollten wir noch einmal genauer untersuchen, welche Hirnbereiche wir durch Training gezielt fördern und welche Regionen im Gehirn wir lieber außen vor lassen sollten. Dazu schauen wir uns den Bereich des Gehirns an, der für die emotionalen Reaktionen verantwortlich ist: das limbische System.

 

Dieses System ist der Bereich der emotionalen Erinnerung. Es kontrolliert Gefühle, Stimmungen, Triebe und das emotionale Verhalten. Deswegen wird es auch „emotionales“ Gehirn genannt. Das limbische System ist eine ringförmige Struktur im Inneren des Gehirns und zuständig für das Erkennen, Zurechtfinden und Lernen sowie für Motivation, Erinnerungen und Gefühle.



So funktioniert das „emotionale“ Gehirn

Das limbische System (lat. Limbus = Rand) ist strukturell nicht scharf abgrenzbar. Die Benennung verweist auf die Lage von funktionell zusammengehörigen Teilen im Gehirn, die einen fast geschlossenen Ring um den Balken bilden.

 

Die Amygdala oder auch Mandelkern des Limbischen Systems ist das Zentrum der Emotionen und dabei insbesondere der Emotionen Angst, Stress und Verunsicherung. Hier findet die emotionale Bewertung eines eingegangenen Reizes statt. Die Amygdala verfügt über eine eigene Speicherung von Bildern, dem sogenannten „Furchtgedächtnis“. Hier findet emotionales Lernen statt.

 

Der Hippocampus oder das „Seepferdchen“ ist das Zentrum des Lernens. Er ist zuständig für die Erzeugung von Erinnerungen, aber auch für das Abspeichern von Erfahrungen und Fähigkeiten als eine Art Kurzzeitgedächtnis. Nach einer ausreichenden Anzahl von Wiederholungen werden Erinnerungen von dort zum Langzeitgedächtnis im Cortex weitergeleitet. Der Hippocampus ist gleichzeitig der Ort des räumlichen Gedächtnisses, des Orientierungsvermögens und der körperlichen Eigenwahrnehmung („was, wann, wo, mit wem“).


Zu der Formbarkeit des „emotionalen“ Gehirns gibt es diverse wissenschaftliche Untersuchungen bei Menschen und Tieren. So hat sich z.B. gezeigt, dass Taxifahrer einen sehr ausgeprägten und gut entwickelten Hippocampus haben, da sie sich viele Straßennamen merken und gut orientieren können. Dagegen können Pferde, die im Fohlenalter starken Stresssituationen oder Traumata ausgesetzt waren, lebenslang anfälliger für Stress und dadurch nervöser sein. Bei ihnen hat sich die Amygdala ausgeprägt, stark vernetzt und viele Neurotransmitter gebildet.

 

Die Formbarkeit des Gehirns funktioniert also leider auch in die negative Richtung. Wenn wir der Angst des Pferdes mit Druck, Zwang, Gewalt oder Ausweglosigkeit begegnen, bestätigen wir die Angst und stärken das Angstzentrum sowie damit verbundene neuronale Bahnen im negativen Sinne!

 

Stress wird im limbischen System „gemerkt“. Erkennt es einen Reiz wieder (z.B. ein Geräusch, einen Geruch oder eine Bewegung), der in der Vergangenheit mit einer schlechten Erfahrung im Zusammenhang stand, signalisiert die Amygdala Gefahr. Je stärker die Amygdala und ihre Vernetzungen durch viele Angst- oder Stresssituationen geworden sind, umso schneller und intensiver werden Warnsignale an das periphere Nervensystem ausgesendet und damit Stresssymptome ausgelöst.


Die Reiz-Reaktions-Kette im menschlichen und im tierischen Körper:

Das Großhirn (Verarbeitung von Sinnesmeldungen) und das periphere Nervensystem (sensorische Neuronen) leiten einen empfangenen Reiz an den Thalamus, die „Verteilerstelle“ im Gehirn. Dort werden die eingehenden Nachrichten sortiert und an das limbische System weitergeleitet. In der Amygdala findet die emotionale Bewertung statt. Erkennt die Amygdala einen lebensbedrohenden Reiz, wird über die „Schaltzentrale“, den Hypothalamus, der Sympathikus aktiviert und die autonome Kampf- oder Flucht-Reaktion eingeleitet. Das Ganze passiert in einem Bruchteil von Sekunden und kann als autonome Reaktion nicht willentlich gesteuert werden. Gleichzeitig ist der Hypothalamus mit der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) im Gehirn verschaltet, die als Hormondrüse zum Hormonsystem gehört und die Abgabe von Stresshormonen über den Blutkreislauf steuert.

 

Die autonome Reaktion des Nervensystems und die Ausschüttung der Stresshormone Cortisol und Adrenalin bewirken eine Leistungssteigerung des Organismus: Herzschlag und Blutdruck werden erhöht, Puls und Atemfrequenz steigen, die Muskeln spannen sich an und zittern, die Sinne werden verschärft, es kommt zu Schwitzen, Kotabsatz, etc. Gleichzeitig werden Verdauung und Speichelfluss gehemmt und die Versorgung des Hautorgans reduziert. Der Körper ist bereit zur Flucht oder zum Angriff – oder anders ausgedrückt: Der Körper ist im Stresszustand.


Die Stressreaktion erhöht die Aufmerksamkeit und mobilisiert alle vorhandenen Kräfte für eine mögliche Flucht. Ist die Reiz-Reaktions-Kette erst einmal in Gang gesetzt, kann sie nicht mehr gesteuert werden. Eine Stressreaktion kann nicht unterdrückt werden, die weitere Handlung wird reflexartig durch den Instinkt bestimmt. Im Stresszustand ist auch der Hippocampus durch Hormone blockiert, da Amygdala und Hippocampus im Limbischen System direkt miteinander verschaltet sind. Und da der Hippocampus für das Lernen zuständig ist, ist in diesem Zustand auch kein Lernen möglich! Jeder kennt ein blockiertes Gehirn in Verbindung mit Angstschweiß, Herzrasen oder schwitzigen Händen, wenn wir uns im Stresszustand befinden - z.B. bei Prüfungsangst. Und einfach abstellen lässt sich diese Angst eben nicht, da wir sie nicht willentlich beeinflussen können. Genau so fühlt sich unser Pferd!

 

Langfristiger Stress beim Pferd führt nicht nur zu körperlichen Problemen, wie Stoffwechselstörungen, Darm- und Magenproblemen, Muskelverspannungen, Hauterkrankungen oder einer Schwächung des Immunsystems, sondern auch zu Veränderungen im Gehirn. Zum einen wird die Amygdala verstärkt und damit das Pferd immer ängstlicher. Zusätzlich wird der Hippocampus immer mehr geschwächt und dadurch die Lern- und die Orientierungsfähigkeit schlechter, was das Pferd noch zusätzlich verunsichert.

 

Jedes Lebewesen hat also ein einzigartig entwickeltes Gehirn mit individuellen Verbindungen und Fähigkeiten. Je nachdem, wie ein Lebewesen genetisch veranlagt ist, wie es aufgewachsen ist und sozialisiert wurde, was es für Erfahrungen machen durfte, in welche Richtung sich sein Gehirn entwickelt hat und in welcher körperlichen und psychischen Verfassung es sich gerade befindet, wird die emotionale Bewertung im Gehirn und die Reaktion auf einen Reiz aus der Umwelt entsprechend anders ausfallen. Das betrifft sowohl den Menschen als auch das Pferd. 

 

Wie unterscheiden sich die Gehirne vom Pferd und vom Menschen?

 

Wenn das Gehirn von Mensch und Pferd aber doch so ähnlich strukturiert ist, warum laufen wir Menschen dann nicht genauso kopflos davon, wenn uns etwas Angst einflößt?

Damit kommen wir zum wesentlichen Unterschied, der dafür zuständig ist, dass die Reaktion eines Menschen in der Regel anders ausfällt als die eines Pferdes:

 

Im Gehirn des Menschen ist der Reiz-Reaktions-Kette noch eine Zwischenstation zugeschaltet – der Frontalllappen im Vorderhirn (präfrontaler Cortex). Diese Gehirnregion ist zuständig für die rationale Bewertung. Hier finden Entscheidungen, Strategie und Planung, also kognitive Reaktionen auf einen Reiz statt. Beim Menschen ist der präfrontale Cortex im Gehirn - unser Bewusstsein oder unser Verstand - besonders ausgeprägt („Denkerstirn“). Wir können bewerten, überdenken, berechnen, reflektieren, planen, zweifeln und hinterfragen. Der instinktiven Angst können wir bewusst und analytisch begegnen. Wir denken mit Logik – und wir haben die Möglichkeit, eine Stresssituation noch einmal analytisch zu bewerten und zu hinterfragen.

 

Schon die ersten Menschen mussten strategisch planen, um zu überleben. Wir Menschen sind keine Meister darin, Gefahren wahrzunehmen, aber wir sind aufgrund unseres Vorderhirns in der Lage, unsere Lebensumstände so einzurichten, dass wir gar nicht erst in Gefahr geraten.

 

Bei Pferden dagegen geht die Reaktion aus dem limbischen System direkt ins Stammhirn, ohne sich mit dem präfrontalen Cortex zu verschalten. Die Angst ist für das Fluchttier Pferd lebenserhaltender Selbstschutz und Überlebensstrategie! Pferde haben keine Zeit, die Situation noch einmal zu reflektieren oder zu überdenken. Bei Gefahr wird unmittelbar die Notfallreaktion ausgelöst. Diese reflexartige Fluchtreaktion in Kombination mit einem extremen Wahrnehmungsvermögen über alle Sinne sowie einer enormen Anpassungsfähigkeit an geänderte Lebensumstände hat die Gattung Pferd bereits seit etwa 55 Millionen Jahren überleben lassen.

 

Für uns Pferdebesitzer ist es oft sehr schwierig, diese instinktive Fluchtreaktion beim Pferd zu erkennen und rational zu bewerten. Insbesondere wenn das Verhalten unseres Pferdes uns dabei selbst in einen emotionalen Zustand der Angst und Unsicherheit versetzt, der unsere eigene autonome Reaktionskette aktiviert.

 

Pferde haben zwar auch einen Frontallappen, jedoch ist dieser vergleichsweise klein und weniger entwickelt. Eine logische Analyse einer Situation ist dem Pferd nicht möglich. Aber deswegen sind Pferde auch so ehrlich und spontan. Sie bewerten oder hinterfragen nicht. Sie nehmen die Dinge so, wie sie sind und nehmen uns Menschen so, wie wir sind. Pferde können nicht strategisch planen oder sich ein Konzept überlegen, wie sie uns Menschen „verarschen“ können. Sie sind einfach im Hier und Jetzt und handeln intuitiv – sie können gar nicht anders.


Verstand versus soziale Intelligenz

Vielleicht wünschen wir uns manchmal ein bisschen weniger Frontallappen, wenn wir mal wieder an uns selbst zweifeln oder in Erinnerungen festhängen; wenn wir uns selbst in diesem Gehirnbereich blockieren mit Sätzen wie „ich kann das nicht“ oder „das wird doch sowieso nichts“… Das Zusammensein mit Pferden bringt uns ein Stück zurück zu unserem intuitiven Zentrum im Gehirn.

 

Wissenschaftlich gesehen ist die stark gewundene Großhirnrinde des Pferdegehirns ein Zeichen für hochkomplexe intellektuelle Leistungen. Statt Verstand spricht man beim Pferd jedoch eher von einer sozialen Intelligenz. Für ein Herdentier ist das Lernen auf Beziehungsebene von besonderer Bedeutung. Soziale Beziehungen, das Abgucken von Handlungen sowie die Kommunikation und Koordination innerhalb der Herde geben dem Individuum Sicherheit und soziale Strukturen, die das Überleben sichern. Verhaltensforscher haben herausgefunden, dass sich die Gehirnbereiche der sozialen Kompetenz von Säugetieren stärker entwickelt haben, wenn sie in stabilen sozialen Verbänden aufgewachsen sind.


Ein weiterer wichtiger Unterschied in der Anatomie des Pferde- und Menschengehirns ist der Informationsaustausch zwischen den beiden Großhirnhälften (Hemisphären). Als Verbindung zwischen den Hemisphären gibt es ein Nervenband, den sogenannten Balken, den wir uns wie eine bewegliche Klappbrücke vorstellen können. Beim Pferd hat dieser Balken eine viereinhalb mal geringere Übertragungsrate als beim Menschen.

 

Außerdem sind die Sehnerven der Augen anders mit den Hemisphären verschaltet. In der Sehnervkreuzung (Chiasma opticum) im menschlichen Gehirn teilen sich die Sehnerven der Augen gleichmäßig auf beide Hemisphären auf. Visuelle Informationen aus den dicht nebeneinander liegenden Augen des Menschen kommen somit automatisch in beiden Gehirnhälften an. Durch die seitliche Anordnung der Augen am Pferdekopf werden die meisten visuellen Reize vom Pferd nur mit einem Auge wahrgenommen. Dazu kommt noch, dass in der Sehnervkreuzung im Pferdegehirn mehr als 80 % der Fasern der Sehnerven auf die Gegenseite kreuzen. Seitliche visuelle Informationen können beim Pferd somit hauptsächlich nur in der gegenüberliegenden Hirnhälfte verarbeitet werden.

 

Diese Besonderheit der Verbindungen der Sehnerven im Zusammenhang mit der geringen Übertragungsrate des Balkens erklärt, warum ein Pferd einen Gegenstand, den es auf der einen Körperhälfte wahrgenommen hat, auf der anderen Seite nur zu einem geringen Anteil wiedererkennt. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Reaktion des Pferdes so ausfällt, als hätte es diesen Gegenstand noch nie gesehen. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die am Straßenrand abgestellte Mülltonne: auf dem Hinweg wurde sie schon vom rechten Auge als Besorgnis erregender Gegenstand wahrgenommen und auf dem Rückweg taucht sie im linken Auge auf und sorgt für ein neues Erschrecken. Die Mülltonne wurde also mit der rechten Gehirnhälfte noch nicht so registriert, dass das Pferd sie wiedererkennen konnte.

 

Das Ansprechen beider Gehirnhälften und die Verschaltung der Hemisphären lassen sich durch cross-koordinative Übungen (wie zum Beispiel dem Schenkelweichen), bei denen das Pferd seine eigene Körpermitte kreuzt, trainieren.

Größenvergleich

Im Verhältnis zum Gesamtgewicht ist das Gehirn des Menschen mit 2 % deutlich größer als das Gehirn des Pferdes mit 0,1 %. Das Kleinhirn, das für die Motorik zuständig ist, ist jedoch im Verhältnis zum Großhirn beim Pferd größer. Insgesamt ist ein Pferdegehirn in etwa zwei Fäuste groß und wiegt zwischen 400 und 700 Gramm. Ein menschliches Gehirn wiegt ca. 1300 Gramm.


Unterschiede gibt es auch in der Wertigkeit der Hirnregionen bei Pferd und Mensch. Laut Marlitt Wendt hat das Pferd z.B. eine sehr aktive und wichtige Hirnregion für die Verarbeitung von Informationen aus der Nüstern- und Maulregion. Der stark ausgeprägte Riechkolben im Pferdegehirn ist eine eigenständige Region für die Verarbeitung von Gerüchen und direkt mit der Amygdala verschaltet, was die unmittelbare emotionale Bewertung von Gerüchen erklärt. Man geht davon aus, dass Pferde sogar besser riechen können als Hunde. Sie sind aufgrund ihrer außerordentlichen sensorischen Fähigkeiten über den Geruchssinn in der Lage, chemische Informationen wie Angst, Stress, Krankheiten, Aggression, etc. am Gegenüber wahrzunehmen. Im Gegensatz dazu hat der Mensch einen größeren Hirnbereich für die Verarbeitung der Informationen aus seinen Augen. Der Mensch verlässt sich hauptsächlich auf seinen visuellen Sinn.

 

Eine weitere Besonderheit des Pferdegehirns ist der außerordentlich gut ausgeprägte Hippocampus hinsichtlich Zeitgefühl und Orientierungsvermögen. Pferde wissen ganz genau, zu welcher Tageszeit gefüttert wird und wie es auf direktem Weg zurück in den Stall geht. Auch hier haben sie dem Menschen einiges voraus.

 

Letztendlich lernen Pferde aufgrund der direkten Informationswege im Gehirn außerordentlich schnell und schon nach wenigen Versuchen und Erfahrungen. Dabei haben sie ein extrem gutes Langzeitgedächtnis, ähnlich wie Elefanten oder Esel. Ein Pferd vergisst nie – im positiven wie im negativen Sinne! Deshalb fällt es Pferden auch besonders schwer, eine neuronale Verknüpfung im Gehirn wieder aufzugeben. Das Umlernen einmal erlernter Verhaltensmuster benötigt dann deutlich mehr neue Wiederholungen.

 

Wie trainiere ich ein Pferdegehirn?

 

Aufgrund der anders geschalteten Informationswege im Pferdegehirn haben Pferde keine Möglichkeit, rational zu handeln. Pferde denken nicht so komplex wie ein Mensch, sondern speichern Erinnerungen oder Erfahrungen im Gehirn in der Form von einfachen Bildern.

 

Über das gemeinsame Training in kleinen Schritten und mit vielen Erfolgserlebnissen können wir positive Bilder im Pferdegehirn erzeugen. Lerninhalte werden mit einem positiven Gefühl verknüpft und Stress vermieden. Gemeinsam mit dem Pferd schwierige Aufgaben mit Spaß und Freude zu meistern, schafft Wohlfühlmomente und stärkt die Beziehung. Nur auf diesem Weg ist positives Lernen möglich, wodurch starke neuronale Verknüpfungen entstehen, die die gewünschten Reaktionen mehr und mehr automatisieren.

 

Mit Druck oder Ausweglosigkeit Verhalten zu erzwingen oder Ängste und Unsicherheiten zu ignorieren führt dagegen zu negativen Bildern und verstärkt die Angst. Nur wenn wir dem Pferd helfen, sich mit einem unheimlichen Reiz erfolgreich und stressfrei auseinanderzusetzen, schaffen wir positive Erinnerungen im limbischen System.

 

Als Partner von unserem Pferd, aber auch als Trainer und Therapeut sind wir kognitiv in der Lage, die Angst unseres Pferdes zu erkennen und strategische Lösungsansätze für bedrohliche Situationen oder Angsterinnerungen anzubieten. „Vertrauen kann von uns gemacht werden, durch positive Erfahrungen, die wir dem Pferd geben“ schreibt Andrea Kutsch in ihrem Buch “Aus dem Blickwinkel des Pferdes“, „indem wir sein emotionales Gehirn kontinuierlich mit den richtigen Informationen füttern“.

 

Um das Pferd aus dem reaktiven Fluchtmodus in ein „aktives Mitdenken“ zu bekommen, sollten wir es unter fairen Bedingungen „mitspielen lassen“. Das setzt voraus, dass das Pferd aufhört zu „funktionieren“ - also aufhört, nur zu reagieren. Wenn wir im Training mit unserem Pferd kommunizieren – egal, ob vom Boden, im Sattel, an der Longe oder frei – bekommt das Pferd die Möglichkeit, zu agieren und nach eigenen Lösungswegen zu suchen, also mitzubestimmen. In diesem Moment fördern wir seine kognitiven Hirnbereiche.

 

Durch gezieltes Training können nicht nur körperliche Kraft und Ausdauer, sondern auch mentale Fähigkeiten gestärkt werden. Freude und Motivation, Gelassenheit, aber auch Konzentration und Lernfähigkeit, Koordination sowie Körperwahrnehmung und Selbstbewusstsein unseres Pferdes können wir fördern, indem wir Strukturen im Gehirn verändern. Wegen der neuronalen Plastizität können wir das Gehirn so formen und fördern, dass sich unsere Pferde physisch und psychisch immer besser fühlen.

 

Basis jeder Trainingseinheit sollte bei Mensch und Pferd immer ein Zustand der emotionalen und körperlichen Losgelassenheit sein. Im Nervensystem können eine Erholung und Anpassung an die Trainingsreize - wie beim Training der sonstigen körperlichen Strukturen - nur erfolgen, wenn sich das Pferd in einem entspannten Zustand (Parasympathikus) befindet. Dafür müssen wir selbst trainieren, uns in einen Zustand der inneren Ruhe, Achtsamkeit, Bestimmtheit, Fairness und eines liebevollen Gefühls zu versetzen. „Sich fühlen, das Pferd fühlen, sich vom Pferd fühlen lassen“ beschreibt Stefan Valentin einen Zustand der tiefen Verbundenheit in seinem Buch „Feine Sprache“. Je mehr Wohlfühlmomente wir gemeinsam erleben, desto schneller wird sich das Pferd in unserer Nähe entspannen und beruhigen können.

 

Ein Pferd wird leider niemals rational denken können wie ein Mensch. Aber es kann lernen, sein Gehirn einzuschalten. Es kann lernen, sich an der Ruhe und Sicherheit des Menschen zu orientieren und sich aktiv einzubringen, anstatt instinktiv zu reagieren. Und der Mensch lernt bei dieser Art des Trainings, die sehr vertraute Hirnregion des Verstandes zu verlassen und wieder mehr ins Fühlen zu kommen. Denn der Schlüssel zu einer tiefen Beziehung zum Pferd ist das Gefühl und nicht die Technik.

 

Text: Franziska Böger

Zeichnungen: Franziska Böger (Zeichnung „Das Pferdegehirn“ nach Atlas der Anatomie der Pferde, Schlütersche Verlagsgesellschaft)



 
 
 

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